Dispokinesis
Musiker sind Bewegungskünstler
Musiker vergessen oft, dass sie für ein gelungenes Musizieren nicht nur mit dem Instrument sondern auch mit ihrem eigenen Körper sorgsam umgehen müssen, denn das Spielen eines Instruments ist ein geistig- körperlicher Prozess: musikalische Vorstellungen werden mittels hochdifferenzierter Bewegungsabläufe auf das Instrument übertragen und in Klang umgesetzt.
Es gibt viele Gründe warum dies trotz intensiven Übens häufig nicht gelingen will, ja dass sogar Unbehagen, Schmerzen, Bewegungsstörungen und nicht selten als Folge davon, Bühnenangst entstehen können. Wir Dispokineter gehen in unserer Arbeit den Ursachen von Spielproblemen jeglicher Art auf den Grund und helfen den Betroffenen ihre ureigene Disposition wiederzufinden.
Wie sieht die Arbeit mit Dispokinesis aus und auf welchen Methoden und Grundlagen beruht Sie?
In der Dispokinesis geht man davon aus, dass jeder Mensch seine eigene ursprüngliche Disposition besitzt, die er im Laufe seines Lebens durch unterschiedlichste Einflüsse verlieren kann.
Beschwerden über die Musiker klagen, haben ihre Ursache meist in daraus resultierenden falsch, unzulänglich oder künstlich erlernten Haltungs- und Bewegungsmustern, die so tief verinnerlicht sind, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden. Sie treten unabhängig davon auf, ob sie der jeweiligen Situation oder Handlung angemessen sind und können so das Umsetzen einer musikalischen Vorstellung in Bewegung behindern.
Die ursprünglich angelegten Haltungen und Bewegungen sind jedoch immer noch in dem entsprechenden Gehirnareal gespeichert und können wiedergefunden werden.
Ist dies geglückt, erfolgt die Bestätigung durch Gefühle von Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit - die besten Voraussetzungen für ein gelungenes Musizieren. Die innerlich erlebte Musik kann geistig und körperlich ungehemmt ausgedrückt werden - man ist disponiert.
Die dispokinetische Arbeit besteht aus drei Bausteinen:
- den Urgestalten in Haltung und Bewegung,
- dem Dispokineto-Instrumental Re-educational Processing (Neu -und Wiedererlernen von Instrumentaltechniken),
- der Instrumentalergonomie, der optimalen Anpassung des Instruments an den Körper.
Den Grundbaustein bilden die sogenannten Urgestalten.
Ausgehend von der Evolution und der kindlichen Entwicklung von Haltung und Bewegung entwickelte G. O. van de Klashorst eine Abfolge von Übungen, die den menschlichen Aufrichtungsprozess vom Liegen über den Vierfüßlerstand und das Sitzen nachvollziehen. Die Senso- und Psychomotorik werden hierbei besonders geschult und eventuell vorhandene Entwicklungslücken geschlossen.
In den ersten Urgestalten geht es zunächst um einen aktiven Bodenkontakt, der entgegen allgemeiner Gewohnheit über den vorderen Teil des Fußes hergestellt wird. Hierdurch setzt sich eine Kette von Aufrichtungsreflexen in Gang. Zu spüren ist jetzt eine Spannung in Unterbauch und Beckenboden, sowie der rückseitigen Beinmuskulatur. Funktionieren diese Aufrichtungsreflexe optimal, muss in anderen Körperregionen keine kompensatorische Haltearbeit geleistet werden. Die Muskelspannung in Rücken, Schultern und Nacken ist dadurch deutlich niedriger, Arme und Hände sind frei zum Handeln.
Bewusstwerden und Auflösen von stereotyp dominanten Haltungs- und Bewegungsmustern, das Unterscheiden von grob- und feinmotorisch initiierten Bewegungen, die Schulung der Feinmotorik, das zielgerichtete, nach außen führende Bewegen und Finden von entsprechenden Bewegungsvorstellungen, sowie das Erfahren von Räumlichkeit sind weitere Inhalte bei der Arbeit mit den Urgestalten.
Sobald sich ein Bewusstsein für Bodenkontakt, Unterbauchspannung und feinmotorische, zielgerichtete Bewegungsinitiative gebildet hat, kann mit dem Neu- oder Wiedererlernen einer dispokinetologisch fundierten Instrumentaltechnik, dem Dispokineto Instrumental Re-educational Processing begonnen werden.
Es wird direkt am Instrument gearbeitet, nachdem sich der Dispokineter Haltung und Bewegungsabläufe beim Spielen angeschaut hat. Gemäß dem Grundsatz "Haltung kommt vor Bewegung" wird u.a.gefragt:
- Entspricht die eingenommene Haltung der Absicht, das Instrument zu spielen bzw. zu singen?
- Sind Bodenkontakt und damit die Aufrichtungsreflexe aktiv?
- Was passiert wenn ich das Instrument nehme?
Bei der Auflösung von tief verankerten und nicht mehr wahrgenommenen stereotyp dominanten Haltungs- und Bewegungsmustern kann eine Videoaufnahme weiterhelfen, die oft großes Erstaunen hervorruft: "Was, das mache ich? Das hätte ich nie gedacht!"
Das Ziel der Dispokinesis in der Instrumentaltechnik sind feinmotorisch initiierte Spielbewegungen. Falsch eingesetzte Grobmotorik geht dagegen mit erhöhter Muskelspannung einher, kostet zuviel Energie und ist unpräzise. Da Grobmotorik immer über Feinmotorik dominiert, hemmt sie diese und unterbricht Bewegungsketten, sodass z. B. Geläufigkeit, Präzision oder das Vibrato auf Streichinstrumenten beeinträchtigt werden.
Es gibt Übungen für jedes Instrument um feinmotorisch geführte Bewegungen zu "entlocken", mit Bläsern und Sängern wird zusätzlich an der Atmung gearbeitet. Wichtig sind immer die vorbereitende Vorstellung der Bewegung und des Klangs und die Rückkopplung über das Fühlen und Hören. Es gilt: erst wenn ich spüre was ich tue, kann ich inhibierende Haltungs- , Bewegungs- und Atmungsmuster verändern.
Übrigens: Ein gut ausgebildeter Dispokineter kann mit Musikern aller Instrumente sowie Sängern und Dirigenten arbeiten und ist in der Regel selbst Berufsmusiker.
Eine disponierte Haltung und Instrumentaltechnik ist jedoch nur verfügbar, wenn das Instrument bestmöglich an den Körper angepasst ist und Fehlbelastungen, die mit erhöhtem Muskeltonus an den falschen Stellen einhergehen, vermieden werden. Der Dispokineter hilft auch hier, berät bei der Wahl und Einstellung ergonomischer Hilfsmittel, z. B. Schulterstützen und Kinnhaltern für Violine und Viola, Beinstützen für Fagott oder Gitarre und verbesserte Daumenstützen für Klarinette oder Oboe.
Wichtig für eine gute Aufrichtung ist die passende Sitzhöhe, die für jeden individuell ermittelt wird. Das speziell entwickelte Dispo-Kissen mit einer Neigung von 6° - herkömmliche Keilkissen haben eine höhere Neigung und sind oft zu weich- unterstützt die optimale Beckenkippung und ermöglicht so ein aktives Sitzen als Voraussetzung für ermüdungsfreies Instrumentalspiel.
Entscheidend für das Gelingen dispokinetischer Arbeit ist immer das Fühlen, niemals das Denken: wenn Sie einmal darauf achten werden Sie feststellen, dass der Versuch eine Bewegung mit dem Verstand zu steuern, diese künstlich und unbeholfen macht. Auch Nachahmen oder übermäßiger Ehrgeiz führen nicht zu einer guten Disposition, die immer an die ureigene Form gebunden ist.
Indem man seinen (Körper-) Gefühlen trauen lernt, werden zusätzlich Selbst-Bewusstheit und Selbst-Sicherheit gestärkt: "Gefühle sind Wahrheiten" (G.O. van de Klashorst)
Texte zum Weiterlesen
- Der Daumen am Klavier (pdf-Datei, ca. 70 KB) Ein Beitrag zur Klaviertechnik aus dispokinetischer Sicht.
- Das Anpassen von Kinnhalter und Schulterstütze (pdf-Datei, ca. 40 KB) Die korrekte ergonomische Anpassung des Instruments ist Grundvoraussetzung für eine disponierte Haltung beim Musizieren.
- Stereotyp Dominant Motor Patterns (pdf-Datei, ca. 40 KB) Über die Arbeit an indisponierenden Haltungs- und Bewegungsmustern.
- Empfehlenswerte Bücher




