Dispokinesis Frankfurt Regine Neubert

Dispokinesis

Musiker sind Bewegungskünstler

In der Dispokinesis geht man davon aus, dass jeder Mensch seine eigene, ursprüngliche Disposition besitzt, die er im Laufe seines Lebens durch unterschiedliche Einflüsse, wie etwa Erziehung, kulturell und religiös geprägte Erwartungen und Normen, schlechte Vorbilder oder als Reaktion auf psychische Vorgänge verlieren kann.

Beschwerden, über die Musiker klagen, haben ihre Ursache meist in daraus resultierenden, falsch, unzulänglich oder künstlich erlernten und vorgestellten Haltungs- und Bewegungsmustern, die so tief verinnerlicht sind, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden. Sie treten unabhängig davon auf, ob sie der jeweiligen Situation oder Handlung angemessen sind, und können so das Umsetzen einer musikalischen Vorstellung in Bewegung behindern.

Die ursprünglich angelegten Haltungen und Bewegungen, die "Urgestalten", sind jedoch immer noch in dem entsprechenden Gehirnareal gespeichert und können wiedergefunden werden.

Ist dies geglückt, erfolgt die Bestätigung durch Gefühle von Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit - die besten Voraussetzungen für ein gelungenes Musizieren. Die innerlich erlebte Musik kann geistig und körperlich ungehemmt ausgedrückt werden - man ist disponiert.

Die dispokinetische Behandlung besteht aus drei "Bausteinen":

Den Grundbaustein bilden die sogenannten Urgestalten.

Ausgehend von der Evolution und der kindlichen Entwicklung von Haltung und Bewegung entwickelte G. O. van de Klashorst eine Abfolge von Übungen, die den menschlichen Aufrichtungsprozess vom Liegen über den Vierfüßlerstand und das Sitzen nachvollziehen. Die Senso- und Psychomotorik werden hierbei besonders geschult und eventuell vorhandene Entwicklungslücken geschlossen.

In den ersten Urgestalten geht es zunächst um einen aktiven Bodenkontakt, der entgegen allgemeiner Gewohnheit über den vorderen Teil des Fußes hergestellt wird. Hierdurch setzt sich eine Kette von Aufrichtungsreflexen in Gang (Posturales Reflex System, PRS). Zu spüren ist jetzt eine Spannung im Unterbauch, initiiert vom Musculus tensor linea alba (Musculus pyramidalis). Dieser kleine Muskel reguliert die Spannung der Linea alba, einem Sehnenband, das als Mittellinie des Bauchmuskelsystems zwischen Brust- und Schambein gespannt ist, und spielt so eine Schlüsselrolle in Bezug auf Kippung und Stabilisierung des Beckens und damit beim Aufrichten der Wirbelsäule. Diese zentrale Stelle im Unterbauch wird in der Dispokinesis CSP (Central Sensor Point of the Postural Erection of Man) [1] genannt.

Funktioniert das PRS, müssen andere Muskeln keine kompensatorische Haltearbeit leisten. Der Muskeltonus in Rücken, Schultern und Nacken ist deutlich niedriger [2], Arme und Hände sind frei zum Handeln.

Bewusstwerden und Auflösen von stereotyp dominanten Haltungs- und Bewegungsmustern, das Unterscheiden von grob- und feinmotorisch initiierten Bewegungen, die Schulung der Feinmotorik, das zielgerichtete, e-zentrische Bewegen und Finden von entsprechenden Bewegungsvorstellungen, sowie das Erfahren von Räumlichkeit sind weitere Inhalte bei der Arbeit mit den Urgestalten.

Sobald sich ein Bewusstsein für Bodenkontakt, Unterbauchspannung und feinmotorische, zielgerichtete Bewegungsinitiative gebildet hat, kann mit dem Neu- oder Wieder-Erlernen einer dispokinetologisch fundierten Instrumentaltechnik, dem Dispokineto Instrumental Re-educational Processing begonnen werden.

Es wird direkt am Instrument gearbeitet, nachdem sich der Dispokineter Haltung und Bewegungsabläufe beim Spielen angeschaut hat. Gemäß dem Grundsatz "Haltung kommt vor Bewegung" wird u.a.gefragt:

Bei der Auflösung von tief verankerten und nicht mehr wahrgenommenen stereotyp dominanten Haltungs- und Bewegungsmustern kann eine Videoaufnahme weiterhelfen, die oft großes Erstaunen hervorruft: "Was, das mache ich? Das hätte ich nie gedacht!"

Das Ziel der Dispokinesis in der Instrumentaltechnik sind feinmotorisch initiierte Spielbewegungen. Falsch eingesetzte Grobmotorik geht dagegen mit erhöhter Muskelspannung einher, kostet zuviel Energie und ist unpräzise. Sie hemmt die Feinmotorik und unterbricht Bewegungsketten, sodass z. B. das Vibrato auf Streichinstrumenten beeinträchtigt oder sogar unmöglich wird.

Es gibt Übungen für jedes Instrument um feinmotorisch geführte Bewegungen zu "entlocken", mit Bläsern und Sängern wird zusätzlich an der Atmung gearbeitet. Wichtig sind immer die vorbereitende Vorstellung der Bewegung und die Rückkopplung über das Gefühl und den Klang. Es gilt: erst wenn ich spüre, was ich tue, kann ich inhibierende Bewegungs- und Atmungsmuster erkennen und verändern.

Übrigens: Ein gut ausgebildeter Dispokineter kann mit Musikern aller Instrumente sowie Sängern und Dirigenten arbeiten und ist in der Regel selbst Berufsmusiker.

Eine disponierte Haltung und Instrumentaltechnik ist jedoch nur verfügbar, wenn das Instrument bestmöglich an den Körper angepasst ist und Fehlbelastungen, die mit erhöhtem Muskeltonus an den falschen Stellen einhergehen, vermieden werden. Der Dispokineter hilft auch hier, berät bei der Wahl und Einstellung ergonomischer Hilfsmittel, z. B. Schulterstützen und Kinnhaltern für Violine und Viola, Beinstützen für Fagott oder Gitarre und verbesserte Daumenstützen für Klarinette oder Oboe.

Wichtig für eine gute Aufrichtung ist die passende Sitzhöhe, die für jeden individuell ermittelt wird. Das speziell entwickelte Dispo-Kissen mit einer Neigung von 6° [3] (herkömmliche Keilkissen haben eine höhere Neigung und sind oft zu weich) unterstützt die optimale Beckenkippung und ermöglicht so ein aktives Sitzen als Voraussetzung für ermüdungsfreies Instrumentalspiel.

Entscheidend für das Gelingen dispokinetischer Arbeit ist immer das Fühlen, niemals das Denken. Wenn Sie einmal darauf achten, werden Sie feststellen, dass der Versuch, eine Bewegung mit dem Verstand zu steuern, diese künstlich und unbeholfen macht. Auch Nachahmen oder übermäßiger Ehrgeiz führen nicht zu einer guten Disposition, die immer an die ureigene "Form" gebunden ist.

Indem man seinen (Körper-)Gefühlen trauen lernt, werden zusätzlich Selbst-Bewusstheit und Selbst-Sicherheit gestärkt: "Gefühle sind Wahrheiten" (G.O.van de Klashorst).

Zur Literaturliste

Anmerkungen

[01]
früher auch PSP, Pyramidal System of Posture genannt. Aufgrund von häufigen Verwechslungen mit dem Pyramidalen System des Nervensystems wurde kürzlich eine Umbenennung vorgenommen.
[02]
J. van Basmajian, 1985
[03]
Burandt, Grandjean, van de Klashorst, 1969

URL: http://www.dispokinesis-frankfurt.de/dispokinesis.html - Letzte Änderung: 12.07.2008
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